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Europas Gaswege im WandelRussisches LNG vor dem Importstopp auf Rekordkurs – CanCambria setzt auf Gas aus Europas Mitte

Europa kauft vor dem vollständigen Importstopp 2027 noch einmal mehr Flüssiggas aus dem russischen Yamal-Projekt. Mit dem nahenden Ende dieser Lieferungen wächst der Blick auf regionale Versorgungsquellen – darunter CanCambrias Gasprojekt Kiskunhalas in Ungarn.

von Verumo-Redaktion

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Titelbild: picture alliance / Friedemann Kohler/dpa

Wenige Monate vor dem nächsten Schritt beim Ausstieg aus russischer Energie nimmt Europas Bezug von LNG aus der Arktis noch einmal deutlich zu. Zwischen Januar und August 2026 liefen 156 Ladungen aus dem nördlich des Polarkreises gelegenen Yamal-Projekt europäische Häfen an. Insgesamt wurden 11,39 Mio. Tonnen geliefert, 10,1 % mehr als im Vorjahreszeitraum. Bis Anfang September summierten sich die geschätzten europäischen Zahlungen für Yamal-LNG nach Berechnungen der deutschen Umweltorganisation Urgewald auf 7,28 Mrd. Euro. Schon Anfang September war damit das gesamte geschätzte Zahlungsvolumen von 2025 überschritten.

Yamal braucht kurze Wege nach Europa

Hinter diesen Milliardenbeträgen steht eine hochspezialisierte Transportkette. Das LNG stammt von der russischen Halbinsel Jamal. Verantwortlich für die Anlage ist Yamal LNG, an der der russische Gasproduzent Novatek 50,1 % hält. Für den ganzjährigen Abtransport sind eisgängige Arc7-Tanker notwendig. Die eigens dafür gebauten Schiffe können vereiste Abschnitte der Nördlichen Seeroute auch ohne Eisbrecherhilfe befahren.

Vor allem im Winter, wenn die östliche Route nach Asien weitgehend durch Eis blockiert ist, wird die vergleichsweise kurze Verbindung zu europäischen Häfen besonders wichtig. Für die Flotte spielt dabei die Umlaufzeit eine zentrale Rolle. Nach einer Entladung in Europa können die Schiffe schneller nach Sibirien zurückkehren als nach einer Fahrt zu asiatischen Abnehmern.

Im Sommer öffnet die Nördliche Seeroute zwar ein zusätzliches Zeitfenster Richtung Osten. Im August 2026 gingen beispielsweise jeweils sieben Yamal-Ladungen nach Europa und nach Asien. Über die ersten acht Monate blieb Europa mit 88,9 % der Yamal-Exporte dennoch der mit Abstand wichtigste Absatzraum.

Die hohen Mengen laufen somit über eine Lieferkette, in der wenige Transportwege, spezialisierte Schiffe und europäische Häfen eine zentrale Rolle spielen. Doch diese Struktur steht nun vor einem festen Einschnitt.

Übergangsphase endet im Januar

Die EU hat den Ausstieg aus russischem Gas inzwischen verbindlich geregelt. Für russisches LNG aus kurzfristigen Lieferverträgen gilt das Importverbot seit dem 25. April 2026. Bestehende langfristige LNG-Verträge, die vor dem 17. Juni 2025 geschlossen wurden und die vorgesehenen Voraussetzungen erfüllen, fallen ab dem 1. Januar 2027 unter das Verbot. Der schrittweise Ansatz soll laut EU das Risiko abrupter Versorgungsunterbrechungen und Preissprünge begrenzen.

Der in Brüssel ansässige Daten- und Analyseanbieter Kpler verfolgt weltweit Rohstoffströme und Schiffsbewegungen, darunter den LNG-Handel. Energieanalyst Charles Costerrouse wertet die aktuellen Yamal-Zahlen als Zeichen dafür, dass EU-Käufer ihre bestehenden langfristigen Verträge vor dem Verbot noch intensiv nutzen.

Bislang richtet sich die Aufmerksamkeit vor allem darauf, wie viel russisches LNG noch nach Europa gelangt und welche Tanker diese Mengen befördern. Nach dem Jahreswechsel gewinnt eine andere Frage an Gewicht: Wie setzt sich Europas Gasversorgung ohne diese Lieferstruktur zusammen?

Für den Ersatz der russischen Mengen kommen mehrere Bausteine infrage. Europas Gasmarkt stützt sich auf Pipelineimporte, LNG verschiedener Herkunft, Speicher und eigene Förderung. Mit dem Wegfall einer politisch unerwünschten Importquelle steigt zugleich das Interesse an Gas, das näher an den Verbrauchszentren gefördert und über vorhandene Infrastruktur in den Markt gebracht werden kann.

Vom Eistanker zur Pipeline in Ungarn

Zu den Projekten, die in diesem Umfeld entwickelt werden, zählt Kiskunhalas im Süden Ungarns. Betreiber ist das kanadische Unternehmen CanCambria Energy ISIN CA13740E1079 WKN A3EKUB. Zum zu 100 % gehaltenen Projekt gehören die rund 946 km2 große Kiskunhalas-Explorationskonzession und die angrenzende BA-IX-Förderlizenz mit rund 132 km2. Zusammen weist CanCambria aktuell rund 1.080 km2 zusammenhängende Fläche im Pannonischen Becken aus und arbeitet dort an der Entwicklung eines Gas-Kondensat-Vorkommens.

Bei einem Onshore-Projekt wie Kiskunhalas entfallen wesentliche Schritte der LNG-Logistik: Das Gas müsste weder verflüssigt noch mit Spezialtankern über tausende Kilometer befördert und anschließend wieder regasifiziert werden.

Für die europäische Gasdebatte ist zudem die Lage des Projekts relevant. Auf dem BA-IX-Gebiet besteht eine 4-Zoll-Erdgasleitung mit Verbindung zur Gasspeicheranlage Zsana des ungarischen Betreibers MVM Gas Storage. CanCambria kündigte im Dezember 2025 an, die Wiederinbetriebnahme dieser Leitung zu planen.

In den vergangenen Monaten hat CanCambria mehrere Schritte abgeschlossen. Am 5. März genehmigten die zuständigen ungarischen Behörden den technischen Betriebsplan für die Kiskunhalas-Konzession und damit das Arbeitsprogramm für die kommenden vier Jahre.

Im August veröffentlichte das Unternehmen zudem eine aktualisierte unabhängige Ressourcenbewertung von Chapman Hydrogen and Petroleum Engineering. Für die 2C-Ressource mit dem Projektstatus "Development Pending" weist sie netto und risikogewichtet 571,9 Mrd. Kubikfuß potenziell förderbares Erdgas sowie 59,6 Mio. Barrel Kondensat aus. Die Projektstatus-Kategorie bezeichnet bedingte Ressourcen, bei denen die letzten Voraussetzungen für eine Entwicklung aktiv bearbeitet werden. Unter den im Gutachten verwendeten Preis- und Entwicklungsannahmen stieg der risikogewichtete NPV10 auf 2,04 Mrd. USD.

Der nächste Schritt fällt ins Jahr des LNG-Verbots

Bei CanCambria stehen nun vor allem Finanzierung, Partnerschaft und Bohrprogramm an. Für die BA-IX-Förderlizenz, den bohrbereiten Kernbereich des Kiskunhalas-Projekts, läuft ein Farm-out-Prozess für eine Beteiligung von bis zu 50 %. Die technische Prüfung durch interessierte strategische Partner ist abgeschlossen, während die kommerziellen Verhandlungen weiterlaufen. Raiffeisen Bank International führt den Prozess.

Bei erfolgreichem Abschluss der Partnersuche und Erfüllung der weiteren Voraussetzungen rechnet CanCambria mit dem Beginn erster Bohrarbeiten im ersten Quartal 2027. Als Ziel für eine mögliche erste Gasproduktion nennt das Unternehmen weiterhin Mitte 2027. Auch die aktualisierte Ressourcenbewertung vom August legt diesen Zeitpunkt ihrem Entwicklungsmodell zugrunde.

Der nächste operative Schritt fällt damit in dieselbe Phase, in der Europas langfristige Yamal-LNG-Verträge auslaufen sollen. Während die letzten großen Ladungen noch auf Arc7-Tankern Richtung Westen fahren, entscheidet sich bei Projekten wie Kiskunhalas, ob regionale Gasvorkommen aus der Ressourcenbewertung tatsächlich in eine neue europäische Produktionsquelle überführt werden können.