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BondmarktDas Rendite-Beben in Japan dauert an

Die Renditen in Japan steigen weiter - und damit das Risiko sinkender Nachfrage nach Schuldtiteln anderer Länder. Auf dem japanischen Bondmarkt läuft ein Shift mit gewaltiger Tragweite für die globalen Kapitalmärkte.

von Verumo-Redaktion

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Titelbild: picture alliance / Jiji Press / Rei Muroki

2,385 %: So hoch liegt die Rendite zehnjähriger japanischer Staatsanleihen aktuell. Das ist niedriger als bei den Laufzeit-Pendants aus Deutschland (3,02 %) und den USA (4,3 %).

Was die Rendite in Japan bedeutet, zeigt ein Blick in die Vergangenheit, sprich: Auf den Langfristchart. Im Zeitraum von 2016 bis 2022 lagen die Renditen nahe null oder sogar darunter. Noch zum Jahreswechsel 2024/2025 war kaum die Marke von 1 % überschritten worden. Doch da hatte bereits der Abwärtstrend in den Kursen eingesetzt, der bis heute anhält und die Renditen Japans zurück auf ein normales Niveau schiebt, das über Jahrzehnte nicht erreicht worden war.

Der Irankrieg hat die Entwicklung noch einmal beschleunigt: Steigende Energiepreise treiben die Inflation und damit die Überzeugung der Marktteilnehmer, dass die Bank of Japan den Leitzins früher als angenommen auf 1 % anheben wird. Mit einer eingepreisten Wahrscheinlichkeit von 70 % wird es bereits Ende April so weit sein.

"Regimewechsel" und "Strukturwandel" an Japans Bondmarkt

Auch die Konjunktur spricht für eine Straffung der Geldpolitik und weiter steigende Bondrenditen. Das Geschäftsklima im Schnitt aller Sektoren und Firmengrößen steht laut der jüngsten Tankan-Umfrage auf dem hohen optimistischen Stand von Mitte 1991. "Die Umfrage zeigte, dass die finanziellen Bedingungen aus Sicht der Unternehmen weiterhin akkommodierend sind", schrieb UBS-Ökonom Masamichi Adachi.

Analysten suchen nach Beschreibungen für das, was am japanischen Anleihemarkt gerade abläuft. Einen "graduellen, strukturellen Regimewechsel" macht Giorgio Gaballo, Fixed Income-Manager bei Eurizon aus, der die Bedeutung der Marktkräfte in der Preisfindung nach Jahrzehnten wieder sichtbar mache. Die Renditen würden nun vor allem am langen Ende wieder auf Inputs wie Inflationserwartungen reagieren.

Einen "tiefgreifenden Strukturwandel" sieht J.P. Morgan und erinnert an den Plan der Bank of Japan, ihre Anleihebestände bis 2030 um umgerechnet rund 1 Billion EUR zu reduzieren. Dadurch wächst das Angebot über die ohnehin schon hohe Neuverschuldung hinaus. Die inländische Aufnahmekapazität des Marktes hält J.P. Morgan für nicht ausreichend: Japans öffentliche Hand wird bei der Finanzierung ihrer Verbindlichkeiten in Zukunft also auf ausländische Investoren angewiesen sein.

Am Dienstag hatte Japans Parlament einen Rekordhaushalt von umgerechnet rund 660 Mrd. EUR für das Fiskaljahr 2026 verabschiedet. Der Staat gibt auch aufgrund hoher Zinszahlungen 6 % mehr aus als im Vorjahr. Umgerechnet 70 Mrd. EUR sind vorgesehen, basierend auf einem langfristigen Zinssatz von 3,0 %. Vor einer Woche hatte das Finanzministerium den Kupon für neu emittierte 10-jährige Staatsanleihen um 0,3 Punkte auf 2,4 % und damit auf den höchsten Stand seit Juli 1997 erhöht.

Das Interesse ausländischer Investoren ist bislang vorhanden. Kazuya Fujiwara, Anleihenstratege bei Mitsubishi UFJ Morgan Stanley Securities etwa verweist darauf, dass ausländische Fonds in der vergangenen Woche Schuldtitel im Nennwert von 15,3 Mrd. USD und damit so viel wie seit April 2025 nicht mehr erworben hätten. " "Dies deutet im Wesentlichen darauf hin, dass das Interesse ausländischer Investoren an japanischen Staatsanleihen ungebrochen ist, was beruhigend ist. Der allgemeine Kauftrend ausländischer Investoren dürfte sich fortsetzen."

Japans Investoren könnten Kapital umleiten

Die benötigten Mittelzuflüsse könnten auch von inländischen Anlegern kommen, die ihr Kapital im Ausland angelegt haben: Ein Trend, der sich in einem Frühstadium bereits etabliert hat und dessen potenzielle Auswirkungen auf die Finanzmärkte möglicherweise dramatisch unterschätzt werden.

Japanische Anleger hielten Ende 2024 2,2 Billionen USD in US-Aktien und US-Anleihen. Im Februar verkauften sie Auslandsanleihen für netto 22 Mrd. USD, den höchsten Monatsverkauf seit Oktober 2024 - nicht zuletzt, da mit dem sinkenden Renditespread zwischen japanischen und ausländischen Staatsanleihen das Wechselkursrisiko wächst.

Noch handelt es sich um einen frühen Trend mit überschaubarem Volumen: Doch sobald die großen institutionellen Anleger Japans den Anteil japanischer Anleihen in ihren Portfolios erhöhen, droht z. B. US-Anleihen ein regelrechter Nachfrageschwund, der sich nahezu zwingend in höheren Renditen niederschlagen müsste.

Regierung will Markt für Corporate Bonds beleben

Durch japanische Investoren repatriiertes Kapital muss dabei nicht zwangsläufig in Staatsanleihen fließen: Die Regierung will den Markt für Unternehmensanleihen in eine wichtige Quelle für Risikokapital umwandeln, um dem erwarteten Anstieg der Nachfrage nach Wachstumsfinanzierung gerecht zu werden und die Unternehmensfinanzierung ein Stück weit weniger von Bankkrediten abhängig zu machen.

Bislang ist der japanische Markt für Unternehmensanleihen überschaubar. Ende 2024 belief sich das ausstehende Volumen auf umgerechnet 600 Mrd. USD, während es in den USA 17-mal höher war. Das Emissionsvolumen japanischer Unternehmen lag bei einem Achtzehntel des US-amerikanischen Volumens.