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Börsenfaktor RobotikKünstliche Intelligenz bekommt einen Körper

Vom Logistikzentrum bis zur Pflege wächst der Einsatzbereich humanoider Systeme. Für Anleger geht der Trend über reine Tech-Fantasie hinaus. Im Kern stehen Demografie, Automatisierung und ein neuer Industriestandard.

von Verumo-Redaktion

Lesezeit 5 min
Titelbild: Gabriele Malaspina / Unsplash

Humanoide Roboter rücken an der Börse vom Zukunftsbild zum konkreten Anlagethema auf. Analysten der Großbank Barclays schätzen den Markt derzeit auf zwei bis drei Milliarden Dollar. Bis 2035 trauen sie ihm jedoch ein Volumen von 200 Milliarden Dollar zu. SoftBank-Chef Masayoshi Son legt die Messlatte noch höher. Er prognostiziert gegenüber CNBC, dass in der physischen KI und Robotik das nächste Billionen-Unternehmen entsteht.

Künstliche Intelligenz beschränkt sich nicht länger auf Software zur Texterstellung oder Datenauswertung. Eingebettet in physische Systeme übernimmt sie Aufgaben in der analogen Realität. Tesla (ISIN: US88160R1014, WKN: A1CX3T) beschreibt sein Optimus-Projekt als allgemeinen, autonomen Roboter für gefährliche, monotone und repetitive Tätigkeiten.

Demografischer Druck treibt die Robotik-Nachfrage

Erste kommerzielle Anwendungen sind bereits Realität. Zornitza Todorova von Barclays erklärt, dass humanoide Systeme bereits einfache Aufgaben wie Heben, Greifen oder Transportieren übernehmen. Das bestätigen die Branchendaten der International Federation of Robotics. Der Absatz professioneller Serviceroboter legte 2023 weltweit um 30 Prozent auf mehr als 205.000 Einheiten zu. Transport und Logistik stellten dabei mit fast 113.000 verkauften Systemen das größte Segment dar.

Barclays unterteilt den Marktaufbau in zwei Phasen. Während bis 2030 die Branchen Fertigung, Logistik, Landwirtschaft und Bau dominieren, folgen erst im Anschluss Pflege, Altenbetreuung, Bildung und Gastgewerbe. Dieser Zeithorizont deckt sich mit globalen demografischen Verschiebungen. Laut der UN-Weltbevölkerungsprojektion 2024 wächst die Altersgruppe über 65 Jahre in den kommenden Jahrzehnten drastisch. In den späten 2070er-Jahren erreicht diese Gruppe voraussichtlich 2,2 Milliarden Menschen. Damit wandelt sich die Robotik für viele Volkswirtschaften von einer reinen Technologiefrage zur strukturellen Arbeitsmarktfrage.

Das verleiht der Formel von der "Automatisierung 3.0" Gewicht. Es geht nicht mehr allein um starre Industrieroboter hinter Gittern oder um reine Bürosoftware. Humanoide Systeme arbeiten dort, wo Personal fehlt, Tätigkeiten körperlich fordern und klassische Automatisierung an räumliche Hürden stößt. Diese Flexibilität sichert den wirtschaftlichen Mehrwert.

Chinas Skalierungseffekte diktieren das globale Tempo

Der auffälligste Vorsprung liegt derzeit in China. Barclays bezeichnet die Volksrepublik als globales Kraftzentrum der Robotik und schreibt ihr 85 Prozent der weltweiten Installationen zu. Die nötige Infrastruktur ist etabliert. Nach Daten der International Federation of Robotics lag Chinas Roboterdichte 2023 bei 470 Industrierobotern je 10.000 Beschäftigte in der Fertigung. Damit zog das Land auf Rang drei weltweit vor und verdoppelte seine Roboterdichte binnen vier Jahren.

Dieser Vorsprung begründet sich vor allem in den Produktionskosten. Barclays verweist darauf, dass chinesische Anbieter humanoide Roboter oft für rund 50.000 Dollar fertigen. Sie sind halb so teuer wie westliche Wettbewerber: Wer früh skaliert, drückt die Stückkosten, sammelt Daten aus realen Einsätzen und verbessert Hardware sowie Software. In einem jungen Markt wirkt dieser Kreislauf als Wachstumsbeschleuniger.

Hinzu kommt die Breite des Ökosystems. China dominiert die Endfertigung und profitiert von dichten Lieferketten bei Kernkomponenten wie Batterien oder Sensorik. Branchenkenner fragen sich daher kaum noch, ob die Technologie kommt, sondern wer die industrielle Blaupause liefert. Barclays und die US-Investmentbank Wedbush sehen den Vorsprung derzeit klar in China, während die USA aufholen müssen.

Wertschöpfungskette: Zulieferer bieten den ersten Einstieg

An öffentlichen Märkten bleibt der direkte Zugang zum Thema begrenzt. Fondsmanager Jason Pidcock von der britischen Fondsgesellschaft Jupiter setzt deshalb auf Firmen, die die Bausteine liefern: Chips, Fertigung, Kommunikationsnetze und Plattformtechnologie. Solange viele führende Entwickler privat bleiben, verlagert sich die Börsenfantasie auf die Lieferkette. Dan Ives von Wedbush argumentiert ähnlich und nennt humanoide Roboter eine der größten Marktchancen der KI-Revolution.

Neu ist allerdings, dass die Softwareseite rasch nachzieht. Nvidia (ISIN: US67066G1040, WKN: 918422) beschreibt sein Isaac-GR00T-Modell als offenes Vision-Language-Action-System für generalisierte Fähigkeiten. Diese Modelle lassen sich für spezifische Aufgaben nachtrainieren. Der US-Konzern verweist hierzu auf Lernansätze mit lediglich 20 bis 40 Demonstrationen. Das senkt nicht automatisch die Hürde zur Massenfertigung, verkürzt aber potenziell den Weg zur konkreten Anwendung.

Die eigentliche Bewährungsprobe steht trotzdem noch aus. Videos, Messeauftritte und Pilotprojekte zeigen, was alles möglich scheint. Ob daraus robuste Arbeitskräfte für Schichtbetrieb, Sicherheit, Pflege oder Haushalt werden, entscheidet sich erst über Stückzahlen, Wartungszyklen und Fehlerraten. An diesen Kennzahlen trennt sich der Kapitalmarktmythos vom belastbaren Industriemodell.